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Rasputin


Es ist ein sonniger Junitag am Niederrhein. Mein Auto ruckelt über den unebenen Bodenbelag. Dieser Feldweg ist definitiv nichts für PKWs. Ist das vielleicht ein Wink des Schicksals? Die Bodenlöcher werden immer nur notdürftig ausgebessert. Warum auch? Der nächste Trecker zieht eh neue Furchen. Und dem folgenden Traktor macht das nichts aus.

Aber eigentlich mache ich mir weniger Sorgen um mein Auto, als um den Termin, den ich gleich vor mir habe. Will ich mir das wirklich antun? Mich beschleicht ein mulmiges Gefühl, aber ich habe für heute zugesagt. Und versprochen ist versprochen! Ich komme an einer Pferdekoppel vorbei und fahre von dort aus auf den Hof. Wie idyllisch und friedlich der Ort in der Sonne liegt. Es scheint noch keiner dort zu sein.

Mein großer innerer Schweinehund meldet sich mit tiefer Stimme: „Du kannst noch umdrehen! Fahr zurück!“ Und ganz leise mit piepsigem Ton tönt der kindliche Schweinehund hinterher: „Nana, nana na na! Feigling, Feigling!“

Toll, ihr seid mir auch keine große Hilfe.

Meine Gedanken schweifen ab und ich erinnere mich:

Wie in der Kindheit fast aller Mädchen, war mein Hobby: Pferde. Warum das so ist, ich weiß es nicht. Vielleicht kann das mal jemand Googeln. Die Eltern einer Freundin hatten einen Reitstall und meine Freundin und ich halfen dort manchmal aus, indem wir die Pferdeställe ausmisteten. Als Belohnung durften wir dann an der Reitstunde teilnehmen. Manchmal erlaubte man uns auch, dass wir mit einem Pferd allein in der Reithalle reiten konnten.

An einem dieser Tage war mein Pony Rocky nicht in guter Stimmung, ging mit mir durch und schleifte mich an der Bande entlang. Ich fiel vom Pferd und jemand, der das bemerkt hatte kam in die Reithalle und hob mich auf. Nach außen hin war es nicht sichtbar, aber das Bein, welches Bekanntschaft mit der Bande gemacht hatte, war ziemlich übel mitgenommen. Leider setzte der Helfer mich nicht wieder auf das Pferd und ließ mich dort einige Minuten verweilen. Ein Fehler, der bis heute meine Beziehung zu Pferden prägt. Denn die Angst, die ich bei dem Unfall gespürt hatte blieb. Bis heute.

Das ist nun 15 Jahre her und ich bin nie wieder geritten.

Nun hat mich vor zwei Wochen meine Freundin Alex gefragt, die regelmäßig in einen Reitstall geht, ob ich sie und ihren Freund Andi nicht per Pferd begleiten möchte. Ich hatte zwar ein mulmiges Gefühl, sagte aber ja. Kann ich gerade gar nicht mehr nachvollziehen.

Tja, und heute ist es soweit.

Neben mir hält ein Wagen und Alex und Andi steigen lachend aus. Ich verlasse mein Auto und lächle ihnen zu, obwohl mir innerlich nicht danach zumute ist.

In diesem Moment kommt der Reitlehrer aus den Stallungen. In diesen stehen die Ungetüme! Die Lieblinge von *Ursus, aus dem Tal der Kutschenwerfer. Mir stockt der Atem. Oh bitte Scotty, beam me up! Aber nichts passierte.

Nachdem wir den Reitlehrer begrüßt haben, teilt er uns mit, dass unsere Pferde gerade gesattelt werden. Zu mir sagt er, dass er ein sehr ausgeglichenes Pferd für mich hätte. Das wäre sehr belastbar, denn es würde immer bei den Schützenfesten in den umliegenden Dörfern eingesetzt. Wer den Niederrhein kennt, weiß wie es auf einem Schützenfest zugeht.

Also, Respekt für das Pferd!

Ich stehe wie erstarrt da und warte. Obwohl es ein heller sonniger Tag ist verdunkelt sich die Umgebung. Ein großer schwarzer Schatten taucht auf: Mein Schlachtross – Rasputin. Pechschwarz, riesig und mit einem Rücken breit wie ein Sofa. Er schnauft laut durch die Nüstern und scheint „not amused“ zu sein. Obwohl der Tag sich wieder lichtet und das Leben scheinbar weitergeht, fühle ich mich wie in einer Parallelwelt. Ich bekomme gar nicht mit, dass meine Freunde und der Reitlehrer schon auf ihren Pferden sitzen. Entsetzt stiere ich auf den Freund von Ursus.

Wie komme ich da hinauf? Und bei dem breiten Rücken! Hätte ich vorher Spagat üben sollen? Mein kindlicher Schweinehund piepst: „Schissbuchse, Schissbuchse!“

Jetzt oder nie! Nach dem ich mich flink wie eine 100-Jährige in den Sattel gehangelt habe, geht es los. Ich denke, dass wir in der Reithalle reiten. Aber der Reitlehrer führt sein Pferd an der Halle vorbei. Er fragt mich nur kurz und lapidar, ob ich schon mal im Gelände geritten wäre, und als ich dies bejahe, sagt er, dann können wir ja in den Wald reiten. Ich rufe noch hinterher, dass dies aber schon 15 Jahre her sei. Aber er hört mich nicht mehr.

Ich habe immer noch ein mulmiges Gefühl, aber Rasputin setzt sich in Bewegung. Wir reiten über eine wunderschöne Blumenwiese in Richtung Wald. Ein schöner Ort, um zu sterben, denke ich.

Um auf Nummer sicher zu gehen bleibe ich hinten. Aber da habe ich die Rechnung ohne den Gaul gemacht. Dieser überholt einen Reiter nach dem Anderen. Zuerst Andi, dann Alex. Als ich vorne beim Reitlehrer ankomme, sagt dieser zu mir, dass Rasputin es nicht mag hinter den anderen Pferden zu laufen und die anderen immer überholen wolle. Aha. Im Nachhinein hätte ich vielleicht noch nach anderen Marotten des Pferdes fragen sollen.

Kurz und knapp: Ich WOLLTE aber an letzter Stelle reiten. Also halte ich das Pferd zurück und lasse die anderen vorbei. Das kostet mich viel Schweiß und Kraft, denn Rasputin war nur schwer zu überzeugen und hatte die Power eines trainierten Sumoringers. Eben Ursus Liebling. Dann geht es in den Wald. Ich kämpfe immer noch mit meinem störrischen Pferd. Das zum Thema ausgeglichen.

Und ich habe noch immer ein mulmiges Gefühl. Wir traben auf weichen Waldwegen und gehen dann in einen leichten Galopp. Klappt ja gut. Hoffnung macht sich in mir breit.

In diesem Moment steuert mein Pferd im Galopp einen Baum am Wegesrand an. Der wird doch nicht? Ist der lebensmüde? Was macht der denn? Ist der bekloppt? Ich versuche mit den Zügeln gegenzusteuern. Zwecklos …

Kurz vor dem Baum schwenkt er kurz nach links, so dass er unversehrt bleibt, aber mein rechtes Knie noch gegen den Baum schlägt und mich elegant aus dem Sattel hebelt. Ich wirbele wie in Zeitlupe durch die Luft und für einen kurzen Augenblick treffen sich unsere Blicke. Ich lande unsanft auf dem Waldboden und bleibe erst einmal dort liegen.

Im Augenwinkel sehe ich Rasputin, der genüsslich am Waldmoos schnuppert. Er sieht zu mir herüber und ich schwöre, dieses Tier grinst mich an. Andi, der vor mir geritten ist, bemerkt meinen Sturz, steigt von seinem Pferd und kommt eilig zu mir.

„Bist du Ok?“ fragt er.

Da mein Brustkorb bebt glaubt er, ich weine. Aber ich fange lauthals an zu lachen. „Hast du den Scheißgaul gesehen, der hat im Galopp noch den Kopf nach hinten gedreht, um zu sehen, ob ich auch wirklich falle!“

Aber: Mein mulmiges Gefühl ist weg.

Der Sturz ist nicht schlimm. Ich bin ja auf weichen Waldboden gefallen. Aber Rasputin hat bis zum Ende der Stunde keinen Respekt mehr vor mir. Oder besser gesagt, den hatte er vorher auch nicht.

* Ursus, aus dem Tal der Kutschenwerfer

–  der Ausspruch „Ursus, aus dem Tal der Kutschenwerfer“ kommt im Bühnenprogramm von Wolfgang Trepper vor. Er erzählt in seinem Programm über die männlichen Mitarbeiter von Ikea. Die Alle ein Kreuz, wie „Ursus aus dem Tal der Kutschenwerfer“ haben, und dennoch den Kunden die Pakete nicht zur Kasse tragen.

Ich finde diese Stelle im Programm so witzig, weil ich mir die Szene immer vorstelle, wie ein Ursus Kutschen wirft. Einfach nur so.

Dann habe ich nach Ursus gegoogelt. In den 60 Jahren gab es diese schrecklich kitschigen Herkules-Filme. Und unter anderem gab es wohl auch einen über Ursus, aus dem Tal der Löwen.

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